Erfahrungsbericht eines Freiwilligeneinsatzes in Südafrika – von Jessica Niemann

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Vom Flieger aus hatte man einen atemberaubende Blick auf die False Bay und schon war klar: Dieses Abenteuer wird mich nicht mehr loslassen. Meinen dreimonatigen Freiwilligeneinsatz im Januar 2025 in Südafrika bin ich mit einer Mischung aus Neugier, Respekt und innerer Aufregung angetreten.

Ankommen und Einleben

Ich lebte in Strand, gemeinsam mit zehn weiteren Volunteers aus Deutschland in einer tollen Wohnung. Bereits nach wenigen Tagen fühlten wir uns wie eine kleine WG-Familie, die voller Tatendrang, zusammen Kapstadt und die Umgebung entdeckten. Organisiert wurde der Einsatz über Live and Learn, ein deutsches Ehepaar, das vor vielen Jahren nach Südafrika ausgewandert ist. Die Kommunikation mit ihnen war unkompliziert, herzlich und unterstützend, kurzum: sie kümmerten sich um alles.

Gleich zu Beginn erhielten wir eine umfassende Einführung rund um Kapstadt, inklusive eines Besuchs in einem Township. Viel Hintergrundwissen über Geschichte, Kultur und wichtige Hinweise zum Verhalten vor Ort. Das war äusserst hilfreich, um das Land besser zu verstehen.

Physiotherapie im Gabriella Centre

Meine tägliche Ansprechperson war Patricia, die uns morgens abholte und nachmittags wieder nach Hause brachte. Mein Einsatzort war das Gabriella Centre, eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit schweren körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.

Die Aufgaben als Physiotherapeutin waren äusserst vielseitig: Bewegungsübungen, Kräftigung, Atemtherapie, Lagerungen, Gehtraining, aber auch aktive Einbindung in den Tagesablauf. Der tägliche Morgenkreis mit Liedern, Gebeten, Tanz und Geschichten war eine liebevolle, ritualisierte Einstimmung in den Tag und gehörte zu meinen prägendsten Momenten.

Eine meiner Hauptaufgaben war die Schulung der Mitarbeiterinnen zu Transfers, Lagerungstechniken und Fütterungsmethoden. Die Mitarbeiterinnen lieben die Kinder von ganzem Herzen, doch genau diese Herzlichkeit führte unbewusst dazu, dass sie den Kindern manchmal Selbstständigkeit wegnahmen. Gemeinsam mit einer Logopädin aus unserer Unterkunft boten wir wöchentliche Schulungen zu Nahrungsaufnahme und Schlucken an, kleine Schritte mit grosser Wirkung.

Besonders bewegend war die Realität hinter den Diagnosen: Viele körperliche Beeinträchtigungen hätten sich durch frühzeitige therapeutische Begleitung und medizinisches Wissen abmildern lassen. Strukturelle Ungleichheiten, Armut und ein schwaches Gesundheitssystem haben das Leben dieser Kinder geprägt. Das war eine schwere Erkenntnis, die gleichzeitig deutlich machte, wie wertvoll auch ein kleiner Beitrag sein kann.

Und trotzdem oder gerade deswegen: Ein Lächeln, ein Laut, eine kleine Bewegung wurden zu bedeutsamen Momenten der Verbindung dieser Menschen hier.

Persönliches Wachstum

Die Arbeit war körperlich fordernd und emotional tief bewegend. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, fehlende Ressourcen – und das ständige Abwägen, wo man sinnvoll etwas verändern kann und wo man Dinge respektvoll stehen lässt. Ein Spannungsfeld, das mich täglich herausforderte und zugleich enorm reifen liess.

Ich lernte, mit wenig kreativ umzugehen, flexibel zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Und ich wurde dankbarer – für meine Möglichkeiten, meine Bildung, meine Sicherheit. Dieser Einsatz hat meinen Blick auf die Welt nachhaltig verändert.

Südafrika – ein Land voller Gegensätze und Schönheit

Neben dem Projekt selbst ist Südafrika schlicht ein Traum. Innerhalb weniger Stunden wechseln Meer, Weinberge, Gebirge und Savanne – eine Landschaftsvielfalt, die einem den Atem verschlägt. Kapstadt vereint modernes Leben mit tiefer Geschichte und kultureller Vielfalt, und die Nähe von Reichtum und extremer Armut fordert heraus – und öffnet die Augen.

An den Wochenenden entdeckten wir Volunteers das Land in vollen Zügen: Wanderungen auf den Lion’s Head und den Tafelberg, Sonnenuntergänge auf dem Signal Hill, Pinguine in Betty’s Bay, das Kap der Guten Hoffnung, die Cederberge mit uralten Felsmalereien – und natürlich eine unvergessliche Safari.

Fazit

Drei Monate Südafrika haben mich nachhaltig geprägt. Ich bin dankbar für die unzähligen Begegnungen, das Vertrauen der Mitarbeitenden, der Familien und für die vielen kleinen, oft unscheinbaren Momente, die voller Bedeutung waren. Es braucht keine grossen Taten. Es sind die kleinen Schritte, die wir mit Offenheit und Herz gehen, die zählen.

Ein solcher Freiwilligeneinsatz ist eine aussergewöhnliche Chance – fachlich, persönlich und menschlich. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

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